exposé

zu dem Kinofilm "NOCH NICHT" von Natia Bogweradze

Weil Mutter im Sterben liegt, treffen Thomas, Christoph und Kathy sich wieder – nach 15 Jahren – an einem Ort, der sie geprägt hat, der wild war, anarchisch, dissonant, widersprüchlich, gnadenlos und laut: Im Elternhaus. Der Verfall hat genagt – an allem und an allen: An der Tapete, in den Köpfen, an den Werten.
Sie sind Flüchtige – Flüchtlinge auch, vor der Institution Mutter, die noch 13 Tage spuken wird – im Keller. Ihre Chronik ist dicker geworden, der Paß behauptet Erwachsensein, doch sind sie Kinder, einsame, verletzte Kinder mit einem Haufen Sehnsucht im Schlepptau: Im Koffer von Thomas, dem Handlungsreisenden, auf dem Papier von Christoph, dem Möchtegernschriftsteller und in den Augen von Katy, der Blumenprinzessin ohne Land.
Alles ist möglich: Jeder von ihnen ist speziell, jeder hat seine Macke; im Hirn, im Herzen, im Handeln.
Es ist die Sehnsucht nach Familie, Geborgenheit, Vertrauen, Vertrautheit – nach Liebe, die nicht mehr kommunizierbar ist, die zum Geheimnis geworden ist, zum Anker, zur Identität, zur Selbstlüge.
Zwischen Ankunft und Abschied bleiben ihnen 14 Tage, die irgendwie gelebt, überlebt und definiert werden müssen und so bilden die drei liebenswürdigen Halbautisten einen Mikrokosmos, der nach Brücken forscht, nach Träumen und der Sehnsucht. Die wenigen Brücken sind dünn, alt und marode und der drohende Fall ins Nichts spornt ihre Zwanghaftigkeit an, ihre Phantasie, und ihren Spieltrieb. Es wird kreiert und abgetastet. Sie spielen – das Spiel des Lebens. Sie machen sich ihr eigenes Programm, das Tablettenprogramm für Mutter, das Killerprogramm für einen Psychopathen und das eigene Fernsehprogramm. Alles ist Spiel – anarchisch, ohnmächtig grenzenlos, menschlich und unmenschlich. Auch der Tod ist Spiel. Als am 13. Tag die Mutter zum Himmel entschwindet, spielt man Trauer – planmäßig. Der Mythos Mutter hinterläßt sein eigenes Geheimnis, im Garten, das die Kinder finden werden. Er erzählt ein Märchen, hat seine Macht bewiesen – ist unsterblich. Es ist viel passiert und nichts geklärt.
Zum Abschied rennen die Kinder um sich selbst, sie drehen sich im Kreis, im Garten, der eine jagt den anderen – bis zum Umfallen...

...sie blicken zum Himmel – alles ist offen.




© sonja schmidt 02

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